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Schlagwort: Rausch

»So wisse: Wir stehen dir für die Lebenswirksamkeit dessen, was du mit unserer Hilfe vollbringen wirst. Du wirst führen, du wirst der Zukunft den Marsch schlagen, auf deinen Namen werden die Buben schwören, die dank deiner Tollheit es nicht mehr nötig haben, toll zu sein. Von deiner Tollheit werden sie in Gesundheit zehren, und in ihnen wirst du gesund sein. Verstehst du? Nicht genug, daß du die lähmenden Schwierigkeiten der Zeit durchbrechen wirst, – die Zeit selber, die Kulturepoche, will sagen, die Epoche der Kultur und ihres Kultus wirst du durchbrechen und dich der Barbarei erdreisten…«

Quelle

Mann, Thomas 2013 [1947]: Doktor Faustus. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. S. 326f.

»Das will ich meinen, daß eine Unwahrheit von kraftsteigernder Beschaffenheit es aufnimmt mit jeder unersprießlichen tugendhaften Wahrheit. Und ich will’s meinen, daß schöpferische, Genie spendende Krankheit, Krankheit, die hoch zu Roß die Hindernisse nimmt, in kühnem Rausch von Fels zu Felsen sprengt, tausendmal dem Leben lieber ist als die zu Fuße latschende Gesundheit.«

Quelle

Mann, Thomas 2013 [1947]: Doktor Faustus. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, S. 326.

Der danach kam, der Semele Sproß, erfand, an Wert
Ihr gleich – der Rebe feuchten Trank, führt’ ein ihn bei
Den Menschen, der die armen Sterblichen befreit.
Vom Leid, wenn sie sich laben an des Weinstocks Saft,
Schlaf ihnen schenkt, Vergessen aller Mühn des Tags;
Kein andres Mittel heilt wie dieses Qual und Not.
Man spendet ihn den Göttern, ihn, den Gott als Wein;
Durch ihn wird Gutes so dem Menschenvolk zuteil.

Quelle
Euripides, Die Bakchen [Teiresias] • [Reclam 2005, S. 13f., V. 278-285]

»Wir sind so auf den Satz zurückgekommen, daß das Komische der absolute Taumel sei, worin nichts Festes, Absolutes geduldet wird, da wir die Schwäche menschlicher Erhabenheit auf einen inneren Widerspruch des Weltganzen zurückführen mußten: ein Taumel, in welchem nichts sich erhält als die absolute Freiheit und Frechheit des mit allem spielenden, lachenden Subjekts.«

Quelle

Friedrich Theodor Vischer: Über das Erhabene und Komische – und andere Texte zur Ästhetik. Einl. von Willi Oelmüller. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967, S. 160-183.

»Das Fest ist der Ort der Ekstase, hier wird man zu einem, gegebenenfalls durch diverse Narkotika und Spirituosen unterstützten, anderen, hier ist man der Noch-nicht-mehr-Mensch, hier darf man es sein.« 

Quelle

Brenner, Andreas; Zirfas, Jörg, Lexikon der Lebenskunst, Leipzig, Reclam 2002, S. 107.

PENTHEUS.
Die Orgien – welcher Art und Form sind sie für dich?
DIONYSOS.
Unkündbar sind sie ungeweihter Menschen Geist.
PENTHEUS.
Und welchen Nutzen bringen sie den Opfernden?
DIONYSOS.
Nicht darfst du’s hören; doch ist’s wert, dass man es weiß.
PENTHEUS.
Klug redst Falsches, dass mich Neugier packen soll.
DIONYSOS.
Unfromme schließt der Dienst des Gotts in Feindschaft aus.
PENTHEUS.
Den Gott hast deutlich du gesehn, so wie er war?
DIONYSOS.
Wie er es wollte – nicht auf mich kam’s dabei an.
PENTHEUS.
Auch hier wichst du gut aus – durch ein nichtssagend Wort.
DIONYSOS.
Unwissenden scheint, wer Weises sagt, nicht klug zu sein.

Quelle
Euripides, Die Bakchen, [Reclam 2005, S. 20, V. 471-480].
O Lust für den, der im Bergwald in rasendem
Laufe stürzt hin auf den Grund


EURIPIDES • DIE BACKCHEN
[RECLAM 2005, S. 9, VERS 135F.]

Rausch und Selbstzerstörung

Pamphlet zum Thema ›Rausch und Selbstzerstörung‹. Der drogeninduzierte Rausch als Revolte gegen die Tyrannei des gesunden Lebens und der gelingenden Existenz. (Selbst-)Zerstörung als Ausdruck eines metaphysischen NEIN zum Sichfügen in die Bedingungen des ›guten‹ Lebens und als verzweifelter Schrei der Freiheit.

»Wenn wir nach Glück und einem guten Leben streben, warum fügen wir uns dann mit Rauschmitteln wie Alkohol bewusst Schaden zu und nehmen neben den Langzeitfolgen sogar zeitlich dicht folgendes Leid in Kauf? Ist uns der Rausch denn so viel wert? Was ist verkehrt an uns, dass wir ihn nicht als das Schlechte erkennen, das er ist?«

So oder so ähnlich stellt sich den Aposteln des gelingenden Lebens das Problem der Selbstschädigung durch Rauschmittel dar. Und in der Tat ist es ein Problem, das einem Kopfzerbrechen bereiten könnte. Wie ist es möglich, dass wir, wo wir doch alle in trauter ›Selbstsorge‹ um unser Wohl besorgt sind, solche Ausfallerscheinungen an den Tag legen? Sind wir etwa zu dumm, zu kurzsichtig, um zu erkennen, dass ein Vollrausch mit folgendem Vollkater nicht Signum einer gelungenen Existenz sein kann?

Ein signifikanter Teil des Schadens ist doch unmittelbar erfahrbar: der bohrende Schmerz im Hirn am ›Tag danach‹, die destruierende Scham (Alkohol), die verklebten Gedanken, die wie zäher Schleim in eklen Fäden von der Denkraumdecke hängen (Marihuana). 

Macht uns der Rausch etwa in einem kompensatorischen Maße kurzzeitig glücklich, schenkt er uns eine Intensität, die wir uns anders nicht hervorzurufen imstande sehen? Oder schmeckt es uns gar so gut? Trinken wir als anspruchsvolle Gourmands um des erhabnen Genusses willen? Auch wenn regelmäßig einflatternde Flyer das ästhetische Niveau der hiesigen Weinverköstigungen zu veranschaulichen sich mühen, dürfen wir ehrlich antworten: Wir berauschen uns vorwiegend nicht wegen der Qualität des Rauschmittels, sondern allenfalls um der des Rausches willen. 

Aber wie kann das jemand wollen? Muss so einer nicht in einer groben Fehleinschätzung glauben, dass sich der Rausch lohne?! »Gewiss muss eine geheime Rationalität solches Treiben steuern!«, mag der emsige Menschenmechaniker vermuten. Die komplexen rationalen Gerüste, die auf diesen Verdacht hin in feinfingriger Kleinstarbeit konstruiert werden, um solch fassungsloser Irratio einen stabilen Unterbau zu errichten, sind von teils beeindruckender Architektur. Was aber, wenn man der These eines Rechnungshofes, eines versteckten Verstandes und einer unbewussten Ratio in uns nicht traut? Wenn einem – vielleicht angestuppst durch andersartige Erfahrungen – der Glaube, die Menschenseele fröne im Grunde einer komplizierten Mathematik, zu gewagt vorkommt?

Nun, dann muss wohl der Rausch Ausdruck des Sturzes in das total Irrationale sein, das Ungreif- und Unbegreifbare, das ›Dionysische‹, das viel geahnte ›Andere‹ der Vernunft, das insbesondere der deutsche Denker inniglich liebt und das er allzeit gern mit wohligem Grauen erahnt.

Doch diese Vermutungen und schulmäßigen Erläuterungen haben etwas eigentümlich Naives in Bezug auf ihre eigenen Voraussetzungen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Ausgangspunkt und Richtung für diese aufwendigen Deutungen bereits falsch gewählt wurden. Hintergrund des Fehlers ist eine für selbstverständlich gehaltene Moral des gelingenden Lebens, gepaart mit dem Fetisch der Gesundheit, dessen Normativität gelegentlich Züge der Tyrannei zeigt. 

Wäre es nicht möglich, dass der Hang zur umfassenden Zerstörung, der im Rausch liegt, nicht primär eine Kompensation vom alltäglichen Stress ist, sondern das Zurückschnellen aus einer tieferen Überspannung: aus derjenigen der Sorge selbst?

Denn es gibt im Rausch ein viel umfassenderes Nein als man da haben möchte: eine Absage an alle Bemühungen um das gute und richtige, das brave Leben, einen verkrümmten aber wurzelnahen Auswuchs der Freiheit, einen letzten Trotz, der sich nicht den natürlichen Umständen dessen, was gesund ist, unterwerfen möchte. Er beinhaltet eine Zurückweisung der eigenen Klugheit, dem eintrainierten Auf-sich-acht-geben, der wohlwollenden Für- und Selbstsorge.

Die Wahrheit ist: Es liegt etwas Erniedrigendes in der Tatsache, dass wir uns mit so viel Mühe und so vielen schlauen Schlichen um dasjenige kümmern, was uns gut tut, etwas Demütigendes in dem Sich-Fügen in die natürlichen Umstände, in der ›Lebenskunst‹ , die ihr Zentrum letztlich doch nur in cleveren Techniken zur Anpassung an das Gegebene und Geforderte findet, darin, sich das zielkonforme Mindset einzupeitschen, das dich so sympathisch wie erfolgreich macht, in dem unterwürfigen Bemühen, es ›richtig‹ zu machen.

Dass die Wege des guten Lebens zugleich verborgen und schicksalshaft wirken, darf als herabwürdigende Zumutung des Daseins an uns gelten. Es darf so gelten, weil es uns so erscheint. Wenn das Ganze sich als Spiel mit vorgegebenen Regeln darstellt und das ›Gelingen‹ darin besteht, die Regeln zu beherrschen und kluge Züge zu machen, worin könnte mehr Freiheit aufscheinen als in dem entschlossenen Nein zum Spiel? Dem Spiel die Karten vor die Füße zu werfen, wohlwissend, dass es dich im Gegenzug kalt und regelkonform vernichten wird, ist das nicht Ausdruck einer großen, wenn auch einer verzweifelten Freiheit

Neben allem ›Todestrieb‹, aller natürlichen oder ansozialisierten ›Destruktivität‹, die in den harten Formen des Rausches beherrschend, in den weichen bestimmend mitwirken mag, bleibt ein anderer Bruch, der für den erwachsenen Menschen viel fundamentaler ist: das metaphysische Nein zum Guten. 

Dieses Nein ist deshalb primär metaphysisch und erst abgeleitet moralisch, weil es sich zum Ganzen den Seienden (meta ta physica) verhält und weil es – insofern es überhaupt irgend möglich ist, sich zu diesem Ganzen bejahend oder verneinend zu halten – das ganze Spiel ablehnt. Worin anders aber könnte die Würde des Menschen heller erstrahlen als in der bitteren Verweigerung des Unausweichlichen? Woran die Freiheit prägnanter sich schärfen als im letzten Gegenhalt gegen ihre allmächtige Demütigung.

Warum trinkt nur die Jugend sich ins Koma, während das Alter ernüchtert? Liegt es nicht daran, dass wir uns mit dem Älterwerden den Bedingungen fügen? Es sollte uns zu denken geben, dass eine der ersten Antworten des erwachenden Bewusstseins auf die erkannte Welt darin besteht, sich und sie in die Bewusstlosigkeit zu verwerfen.

Es gibt eine Verneinung, die gegen alle und alles und genuin gegen das eigene Wohl gerichtet ist, eine Sehnsucht nach Zerstörung, die nicht auf Umwegen der eigenen Gesundheit dienen möchte. Diese Vernichtung soll reines Nein sein, ohne versteckten Profit. Wer sich kennt, kennt auch diesen tiefen Zug. Wen wundert es da, dass wir uns so große Mühe geben, ihn nicht zu sehen.

»Unter der Maske des Hedonismus bist du doch selbst der Sensenmann, und dein Weg führt in die Nacht. Hedonismus hat keine Bedeutung. Das ist auch nur eine Lüge. Oder bestenfalls der faule Kompromiss für die Feiglinge.«

Jack London • König Alkohol

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