Blog für Philosophie

Schlagwort: Freiheit

»Der ›autonome Mensch‹ ist ein Mittel, dessen wir uns bei der Erklärung jener Dinge bedienen, die wir nicht anders erklären können. Er ist ein Produkt unserer Unwissenheit, und während unser Wissen wächst, löst sich die Substanz, aus der er gemacht ist, immer mehr in Nichts auf.«

Quelle

Burrhus Frederic Skinner: Jenseits von Freiheit und Würde. Übers. von Edwin Ortsmann. Reinbeck: Rowohlt 1973. – © Copyright für die deutsche Übersetzung von Edwin Ortmann 1973 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg.

»Freiheit hätte keinen Sinn, wenn sie nur zu inkonsistenten Selbstdarstellungen oder zu solchen führte, mit denen der Mensch sich nirgendwo sehen lassen kann.«

Quelle

Niklas Luhmann: Grundrechte als Institution. Ein Beitrag zur politischen Soziologie. Berlin: Duncker und Humblot 1999, zwischen S. 60 und S. 80 – © 1999 Ducker & Humblot GmbH, Berlin.

»Das Leben wird tiefer, die Existenz sich gewisser angesichts des Todes; aber das Leben bleibt in Gefahr, angstvoll sich selbst zu verlieren in der Leere, in der Existenz sich verdunkelt; wer tapfer war, gibt sich aus der Erinnerung seiner selbst den entschiedensten Ruck, aber er erfährt die Grenze seiner Freiheit.«

Quelle

Karl Jaspers, Philosophie. Zweiter Band: Existenzerhellung, Berlin, Julius Springer, 1932, S. 220-229.

»Was uns Gott, Welt, Schicksal, Natur, Chromosome und Hormone, Gesellschaft, Eltern, Verwandte, Polizei, Lehrer, Ärzte, Chefs oder besonders Freunde antaten, wiegt so schwer, dass die bloße Insinuation, vielleicht etwas dagegen tun zu können, schon eine Beleidigung ist. Außerdem ist sie unwissenschaftlich. Jedes Lehrbuch der Psychologie öffnet uns die Augen für die Determinierung der Persönlichkeit durch Ereignisse in der Vergangenheit, vor allem in der frühen Kindheit. Und jedes Kind weiß, dass, was einmal geschehen, nie mehr ungeschehen gemacht werden kann. Daher, nebenbei bemerkt, der tierische Ernst (und die Länge) fachgerechter psychologischer Behandlungen.«

Quelle

Watzlawik, Paul, Anleitung zum Unglücklichsein, München/Zürich, Piper Verlag, 1987 [1983], S. 25f.

»In der Tragödie zerstören die Individuen sich durch die Einseitigkeit ihres gediegenen Wollens und Charakters, oder sie müssen resignierend das in sich aufnehmen, dem sie in substantieller Weise selbst sich entgegensetzten; in der Komödie kommt uns in dem Gelächter der alles durch sich und in sich auflösenden Individuen der Sieg ihrer dennoch sicher in sich dastehenden Subjektivität zur Anschauung.«

Quelle

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik. Dritter Teil. Die Poesie. Hrsg. von Rüdiger Bubner. Stuttgart: Reclam 1971, S. 312.

»Um seine Würde zu wahren, muß man eine Situation des Zwangs in eine der Freiheit verwandeln.«

Quelle

Tzvetan Todorov: Angesichts des Äußersten. Aus dem Frz. von Wolfgang Heuer und Andreas Knop. München: Fink 1993, S. 70. – © 1993 Wilhelm Fink Verlag, München.

»Eine wissenschaftliche Auffassung scheint den Menschen insofern zu erniedrigen, als schließlich nichts übrigbleibt, für das man dem ›autonomen Menschen‹ Anerkennung zollen könnte. Und was die Bewunderung im Sinne von Bestaunen anlangt, so ist das Verhalten, das wir bewundern, ja nur das Verhalten, das wir noch nicht erklären können. Die Wissenschaft sucht natürlich nach einer umfassenderen Erklärung für solches Verhalten; ihr Ziel ist die Zerstörung von Geheimnissen.«

Quelle

Burrhus Frederic Skinner: Jenseits von Freiheit und Würde. Übers. von Edwin Ortsmann. Reinbeck: Rowohlt 1973. – © Copyright für die deutsche Übersetzung von Edwin Ortmann 1973 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg.

»Die Seele zeigt ihr von der gemeinen Niedrigkeit geschiedenes königliches und erhabenes Wesen schon darin, dass sie unabhängig und selbständig ist, nach eigenen Entschlüssen selbstmächtig waltend.«

QUELLE

[Gregor von Nyssa, De opificio hominis 4 (PG 44, 136 CD, 177D), übers. von Viktor Pöschl, in:] Pöschl, Viktor, Der Begriff der Würde im antiken Rom und später. Heidelberg: Winter, 1989, S. 44. – © 1989 Universitätsverlag Winter, Heidelberg.

»Wir wollen im Lichte dessen, was wir zu sein glauben, und je besser wir verstehen, was wir sind, desto klarer unser Wollen: aber das Wollen würde aufhören, ein Wollen zu sein, wenn sich jemand einbildete, daß, weil wir so und so sind, wir so und so wollen müssen.«

Ernst Tugendhat, Gedanken über den Tod,
Philosophie in synthetischer Absicht. Synthesis in Mind,
Mercelo Stamm (Hrsg.), Stuttgart, Klett-Cotta, 1998, S. 487-512.

»Die Frage, ob der Wille eines Menschen frei sei, ist ebenso sinnlos wie die, ob sein Schlaf geschwind oder seine Tugend viereckig sei.«

John Locke, Versuch über den menschlichen Verstand
Meiner, 2000, Hamburg.

Hörempfehlung von DAIMONION.ME für philosophisch Interessierte: »Sex, Dschinn, Religion – 1001 Nacht gegen 114 Suren? Orgien, Homosexualität, Aphrodisiaka und ein Gott, der alles lächelnd billigt: Durch die Geschichten aus 1001 Nacht weht der radikale Wind der Freiheit. Aber können sie einen Gegenentwurf zum herrschenden Islam darstellen?« – von Dalila Zouaoui-Becker beim Deutschlandfunk (Essay und Diskurs).

Hier geht’s zum Radiobeitrag.

Rausch und Selbstzerstörung

Pamphlet zum Thema ›Rausch und Selbstzerstörung‹. Der drogeninduzierte Rausch als Revolte gegen die Tyrannei des gesunden Lebens und der gelingenden Existenz. (Selbst-)Zerstörung als Ausdruck eines metaphysischen NEIN zum Sichfügen in die Bedingungen des ›guten‹ Lebens und als verzweifelter Schrei der Freiheit.

»Wenn wir nach Glück und einem guten Leben streben, warum fügen wir uns dann mit Rauschmitteln wie Alkohol bewusst Schaden zu und nehmen neben den Langzeitfolgen sogar zeitlich dicht folgendes Leid in Kauf? Ist uns der Rausch denn so viel wert? Was ist verkehrt an uns, dass wir ihn nicht als das Schlechte erkennen, das er ist?«

So oder so ähnlich stellt sich den Aposteln des gelingenden Lebens das Problem der Selbstschädigung durch Rauschmittel dar. Und in der Tat ist es ein Problem, das einem Kopfzerbrechen bereiten könnte. Wie ist es möglich, dass wir, wo wir doch alle in trauter ›Selbstsorge‹ um unser Wohl besorgt sind, solche Ausfallerscheinungen an den Tag legen? Sind wir etwa zu dumm, zu kurzsichtig, um zu erkennen, dass ein Vollrausch mit folgendem Vollkater nicht Signum einer gelungenen Existenz sein kann?

Ein signifikanter Teil des Schadens ist doch unmittelbar erfahrbar: der bohrende Schmerz im Hirn am ›Tag danach‹, die destruierende Scham (Alkohol), die verklebten Gedanken, die wie zäher Schleim in eklen Fäden von der Denkraumdecke hängen (Marihuana). 

Macht uns der Rausch etwa in einem kompensatorischen Maße kurzzeitig glücklich, schenkt er uns eine Intensität, die wir uns anders nicht hervorzurufen imstande sehen? Oder schmeckt es uns gar so gut? Trinken wir als anspruchsvolle Gourmands um des erhabnen Genusses willen? Auch wenn regelmäßig einflatternde Flyer das ästhetische Niveau der hiesigen Weinverköstigungen zu veranschaulichen sich mühen, dürfen wir ehrlich antworten: Wir berauschen uns vorwiegend nicht wegen der Qualität des Rauschmittels, sondern allenfalls um der des Rausches willen. 

Aber wie kann das jemand wollen? Muss so einer nicht in einer groben Fehleinschätzung glauben, dass sich der Rausch lohne?! »Gewiss muss eine geheime Rationalität solches Treiben steuern!«, mag der emsige Menschenmechaniker vermuten. Die komplexen rationalen Gerüste, die auf diesen Verdacht hin in feinfingriger Kleinstarbeit konstruiert werden, um solch fassungsloser Irratio einen stabilen Unterbau zu errichten, sind von teils beeindruckender Architektur. Was aber, wenn man der These eines Rechnungshofes, eines versteckten Verstandes und einer unbewussten Ratio in uns nicht traut? Wenn einem – vielleicht angestuppst durch andersartige Erfahrungen – der Glaube, die Menschenseele fröne im Grunde einer komplizierten Mathematik, zu gewagt vorkommt?

Nun, dann muss wohl der Rausch Ausdruck des Sturzes in das total Irrationale sein, das Ungreif- und Unbegreifbare, das ›Dionysische‹, das viel geahnte ›Andere‹ der Vernunft, das insbesondere der deutsche Denker inniglich liebt und das er allzeit gern mit wohligem Grauen erahnt.

Doch diese Vermutungen und schulmäßigen Erläuterungen haben etwas eigentümlich Naives in Bezug auf ihre eigenen Voraussetzungen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Ausgangspunkt und Richtung für diese aufwendigen Deutungen bereits falsch gewählt wurden. Hintergrund des Fehlers ist eine für selbstverständlich gehaltene Moral des gelingenden Lebens, gepaart mit dem Fetisch der Gesundheit, dessen Normativität gelegentlich Züge der Tyrannei zeigt. 

Wäre es nicht möglich, dass der Hang zur umfassenden Zerstörung, der im Rausch liegt, nicht primär eine Kompensation vom alltäglichen Stress ist, sondern das Zurückschnellen aus einer tieferen Überspannung: aus derjenigen der Sorge selbst?

Denn es gibt im Rausch ein viel umfassenderes Nein als man da haben möchte: eine Absage an alle Bemühungen um das gute und richtige, das brave Leben, einen verkrümmten aber wurzelnahen Auswuchs der Freiheit, einen letzten Trotz, der sich nicht den natürlichen Umständen dessen, was gesund ist, unterwerfen möchte. Er beinhaltet eine Zurückweisung der eigenen Klugheit, dem eintrainierten Auf-sich-acht-geben, der wohlwollenden Für- und Selbstsorge.

Die Wahrheit ist: Es liegt etwas Erniedrigendes in der Tatsache, dass wir uns mit so viel Mühe und so vielen schlauen Schlichen um dasjenige kümmern, was uns gut tut, etwas Demütigendes in dem Sich-Fügen in die natürlichen Umstände, in der ›Lebenskunst‹ , die ihr Zentrum letztlich doch nur in cleveren Techniken zur Anpassung an das Gegebene und Geforderte findet, darin, sich das zielkonforme Mindset einzupeitschen, das dich so sympathisch wie erfolgreich macht, in dem unterwürfigen Bemühen, es ›richtig‹ zu machen.

Dass die Wege des guten Lebens zugleich verborgen und schicksalshaft wirken, darf als herabwürdigende Zumutung des Daseins an uns gelten. Es darf so gelten, weil es uns so erscheint. Wenn das Ganze sich als Spiel mit vorgegebenen Regeln darstellt und das ›Gelingen‹ darin besteht, die Regeln zu beherrschen und kluge Züge zu machen, worin könnte mehr Freiheit aufscheinen als in dem entschlossenen Nein zum Spiel? Dem Spiel die Karten vor die Füße zu werfen, wohlwissend, dass es dich im Gegenzug kalt und regelkonform vernichten wird, ist das nicht Ausdruck einer großen, wenn auch einer verzweifelten Freiheit

Neben allem ›Todestrieb‹, aller natürlichen oder ansozialisierten ›Destruktivität‹, die in den harten Formen des Rausches beherrschend, in den weichen bestimmend mitwirken mag, bleibt ein anderer Bruch, der für den erwachsenen Menschen viel fundamentaler ist: das metaphysische Nein zum Guten. 

Dieses Nein ist deshalb primär metaphysisch und erst abgeleitet moralisch, weil es sich zum Ganzen den Seienden (meta ta physica) verhält und weil es – insofern es überhaupt irgend möglich ist, sich zu diesem Ganzen bejahend oder verneinend zu halten – das ganze Spiel ablehnt. Worin anders aber könnte die Würde des Menschen heller erstrahlen als in der bitteren Verweigerung des Unausweichlichen? Woran die Freiheit prägnanter sich schärfen als im letzten Gegenhalt gegen ihre allmächtige Demütigung.

Warum trinkt nur die Jugend sich ins Koma, während das Alter ernüchtert? Liegt es nicht daran, dass wir uns mit dem Älterwerden den Bedingungen fügen? Es sollte uns zu denken geben, dass eine der ersten Antworten des erwachenden Bewusstseins auf die erkannte Welt darin besteht, sich und sie in die Bewusstlosigkeit zu verwerfen.

Es gibt eine Verneinung, die gegen alle und alles und genuin gegen das eigene Wohl gerichtet ist, eine Sehnsucht nach Zerstörung, die nicht auf Umwegen der eigenen Gesundheit dienen möchte. Diese Vernichtung soll reines Nein sein, ohne versteckten Profit. Wer sich kennt, kennt auch diesen tiefen Zug. Wen wundert es da, dass wir uns so große Mühe geben, ihn nicht zu sehen.

»Unter der Maske des Hedonismus bist du doch selbst der Sensenmann, und dein Weg führt in die Nacht. Hedonismus hat keine Bedeutung. Das ist auch nur eine Lüge. Oder bestenfalls der faule Kompromiss für die Feiglinge.«

Jack London • König Alkohol

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