Blog für Philosophie

Schlagwort: Dämon

»Hier aus dem reinen Äther seiner dämonischen Natur rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangesteckt von der Verderbniß der Geschlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in trüben Strudeln sich wälzen.«

Quelle

Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Mit den Augustenburger Briefen hrsg. von Klaus L. Berghahn. [Neuner Brief]. Stuttgart: Reclam 2000, S. 33-37.

»Alle bewußt gestaltete Komik des Humoristen ist so durchaus Nachbildung der charakteristischen Täuschungen, denen wir im Leben unterliegen; sei es, daß sie uns angetan werden – von Menschen, die uns täuschen wollen, – oder von ungefähr geschehen und nur unserer Unachtsamkeit zur Last fallen. Hier liegt ja auch der Grund, warum umgekehrt uns die vielen kleinen Täuschungen im Leben wie ein intrigantes Spiel erscheinen, welches mit uns getrieben wird, sei es von einem teuflisch-boshaften Wesen oder von einer schalkhaft lächelnden, sich und uns amüsierenden Gottheit …«

Quelle

Nicolai Hartmann: Ästhetik. [1953.] Berlin: de Gruyter 1966, S. 444f. – © Walter de Gruyter GmbH Co. KG, Berlin, New York. All rights reserved.

»Wenn der Dämon, der uns regiert, kein humaner Dämon ist, werden wir Plagegeister der Menschen.« 

Quelle

Johann Gottfried Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität. Rudolstadt: Der Greifenverlag [o.J.], S. 60f.

»Was die maßgeblichste Form der Seele in uns angeht, müssen wir darüber denken, dass der Gott sie einem jeden als Schutzgeist gegeben hat, nämlich als die Form, von der wir sagen, dass sie im obersten Teil unseres Körpers wohnt und uns zu dem im Himmel, was uns verwandt ist, von der Erde erhebt, da wir kein irdisches, sondern ein himmlisches Geschöpf sind, wie wir mit größtem Recht behaupten können.«

Quelle

Platon: Timaios. Griech./Dt. Übers., Anm. und Nachw. von Thomas Paulsen und Rudolf Rehn. Stuttgart: Reclam 2003, (90a).

»Ehe Götter geboren werden, und auch dann, wenn sie gestorben sind, weil sie keinen Glauben finden, der ihnen opferte, geistern Dämonen an der Stätte der Geburt und des Todes.«

Robert Müller-Sternberg, Die Dämonen.
Wesen und Wirkung eines Urphänomens, Schünemann, 1964, , S. 51

»Der Glaube an die Geister ist die Folge des Glaubens an die Unsterblichkeit. Die Substanz, aus der die Geister gemacht sind, ist eher vollblütige Leidenschaft und Lebenswille als die wesenlose Materie, die durch Träume und Illusionen geistert.«

Malinowski, Bronislaw, Magie, Wissenschaft und Religion (1948), in: Malinowski, Bronislaw, Magie, Wissenschaft und Religion und andere Schriften, Fischer, 1973, S. 36f.

»Unsere Religion sei auch nicht kein Kult der Dämonen, denn aller Aberglaube ist eine schlimme Strafe und gefährlichste Schmach der Menschen, aber Ehre und Triumph jener Bösewichter.«

Augustinus: De vera religione / Über die wahre Religion. Lat./Dt. Übersetzung und Anmerkung von Wiilhelm Thimme. Nachwort von Kurt Flasch. Stuttgar: Reclam, 1983 (n. 297).

»Geistige Wesen, glaubt man, beeinflussen und lenken die Ereignisse der materiellen Welt und zwar sowohl dieses wie das künftige Leben des Menschen; und da man annimmt, dass sie mit Menschen verkehren und von menschlichen Handlungen angenehm oder unangenehm berührt werden, so führt der Glaube an ihre Existenz ganz naturgemäß, man könnte fast sagen unvermeidlich früher oder später zur activen Verehrung und Versöhnung.«

Edward Burnett Tylor: Die Anfänge der Cultur: Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie, Religion, Kunst und Sitte (1871). Bd. 1. Leipzig: C. F. Winter 1873. Reprint, Hildesheim: Georg Olms, 2005. S. 419.

»Man kann entsprechend der Scheidung von ›Kultus‹ und ›Zauberei‹ als ›Priester‹ diejenigen berufsmäßigen Funktionäre bezeichnen, welche durch Mittel der Verehrung die ›Götter‹ beeinflussen, im Gegensatz zu den Zauberern, welche ›Dämonen‹ durch magische Mittel zwingen.«

Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft; in: Grundriss der Sozialökonomik, III. Abt., 1. Halbband Tl. 2: Typen der Vergemeinscahftund und VERGESELLSCHAFTUNG, Kap. IV: Religionssziologie (Typen religiöser Vergemeinschaftung). Tüngen: Mohr Siebeck, 1947. S. 240f.

»So … grauenvoll-furchtbar das Dämonisch-Göttliche dem Gemüte erscheinen kann, so locken-reizvoll wird es ihm.«

Rudolf Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, München, Beck Verlag 2004, S. 42.

»Denn jede Herrschaft von Menschen über Menschen wird durch den Tod, sei es der Herren, sei es der Knechte, beendet. Die Knechtschaft aber unter der Hoffart der bösen Engel ist im Hinblick auf die Zeit nach dem Tode viel mehr zu fürchten.«

Aurelius Augustinus von Hippo, Über die wahre Religion
Augustinus: De vera religione / Über die wahre Religion.
Lat./Dt. Übersetzung und Anmerkung von Wiilhelm Thimme.
Nachwort von Kurt Flasch. Stuttgar: Reclam, 1983, n. 305

»Jeder Engel aber, der seine eigenen Ausschreitungen liebt und der Wahrheit nicht Untertan sein will, der nur nach eigenem Gut verlangt und darum vom gemeinsamen Gut und der wahren Seligkeit ausgeschlossen ist, dessen Gewalt alle Bösen zur Unterdrückung und Peinigung, Gute aber höchstens zur Prüfung ausgeliefert werden, der darf unfraglich nicht verehrt werden. Denn seine Freude ist unser Elend und sein Schaden unsere Bekehrung.«

Aurelius Augustinus von Hippo, Über die wahre Religion
Augustinus: De vera religione / Über die wahre Religion.
Lat./Dt. Übersetzung und Anmerkung von Wiilhelm Thimme.
Nachwort von Kurt Flasch. Stuttgar: Reclam, 1983 (n. 309).

»Es stand geschrieben, daß ich dem Ungeheuer meiner Wahl treu bleiben sollte. Ich brannte darauf, mich, ganz für mich allein, mit diesem Schatten auseinanderzusetzen.«

Joseqh Conrad • Das Herz der Finsternis

Daimon

»Sokrates, sagte er, frevle, indem er die Jugend verderbe und die Götter, welche der Staat annimmt, nicht annehme, sondern anderes, neues, daimonisches…«

Σωκράτη φησὶν ἀδικεῖν τούς τε νέους διαφθείροντα καὶ θεούς, οὓς ἡ πόλις νομίζει, οὐ νομίζοντα, ἕτερα δὲ δαιμόνια καινά.

Platon, Apologia 24c

Die alten Athener müssen in dem keck impertinenten Denkartisten sofort den Betrüger und Schelm, den hinterhältigen ›Gefährder‹ bemerkt haben, der vielfach ›Dämonischem‹ Geburtshilfe leisten würde. Sie hätten gut daran getan, sich mit dem Vergiften zu beeilen. Jedoch das Gift kam leider schon zu spät.

Seitdem wird man sein Vermächtnis, die dekadenten Deszendenten jenes alten Sündenfällers, seine Erbschuld und ihren langen Bandwurm nicht mehr los. Der Dämon, der ihm einst von Erkenntnis säuselte und uns in tausend saure Äpfel beißen ließ, kriecht schlangengleich durch das Menschengeschlecht und sucht sich Jünglinge nach seinem Geschmack, um sie zu verführen, vom rechten Weg des Lebens abzubringen: zu Fäulnis und Fall.

Allen modernen Gegengiften zum Trotze beißt und kneift er, windet, drückt und schnürt er sich noch immer durch die Menschenhirne, schmeichelt, wispert und bezischt die hungrigen, einsamen Ohren da draußen. Sucht er ihnen letztenends nicht schlicht: vom Leben abzuraten?

Allein, um das zu sagen, müssten wir ihn vielleicht erst eigentlich verstehen

Könnte es deshalb nicht an der Zeit sein, seine Sprache zu lernen? Sollten wir uns nicht endlich einmal gründlich sein polytonales Gezischel aneignen? Wo doch diese uneindeutige Welt so ganz und gar der daimonialen Brut gehört, wie es scheint… Wartet er nicht etwa darauf, dass wir bei seinem düster schillernden Spektrum erst selbst ›in tausend Zungen‹ reden lernen? Es ist wahr, wir würden ihm sehr gerne auch endlich einmal antworten

Aber wer kann sie sprechen, wer verstehen, die daimonialischen Dialekte! Wer beherrscht die Zwitter-, Zwischen- und Zischelsprache, wer hat die rechte Zunge dafür, wer hat sich den zentralen Spalt eingeritzt?

Sein giftiges Flüstern tropft durch die Zeit. Allen Gebissenen, Verbissenen, Giftigen, Vergifteten und von Giften Zerrissenen da draußen entrichte ich meinen Gruß.

Viel Vergnügen beim Mischen von Tinkturen und Heilsalben, bei Therapeutica und Invocationica, Beschwören, Bannen und Verfluchen, bei euren tausenden Gesprächen mit dem Vielstimmigen und Gefährlichen, dem Dämonischen, in einem Wort: beim Denken.

»Und die Daimonen, halten wir die nicht für Götter – oder doch mindestens für die Kinder von Göttern? Was sagst du: ja oder nein?«

τοὺς δὲ δαίμονας οὐχὶ ἤτοι θεούς γε ἡγούμεθα ἢ θεῶν παῖδας; φῂς ἢ οὔ;

Platon, Apologia 27d

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